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Samstag, 16 August 2008

Bella Marie (Peter Biron)

Filed under: Dokumentarische Fiktion — Schlagwörter: , , — bru @ 7:01

Bella Marie wurde im Mai 2007 von Peter Biron verfasst und erschien im Agiro Verlag. Der Krimi umfasst 142 Seiten und ist für CHF 34.80 in der Buchhandlung erhältlich. Es ist empfehlenswert, das Buch im Alter ab 16 Jahren zu lesen, da es sich um einen Kriminalroman nach einer wahren Begebenheit in der Nachkriegszeit handelt.

„Die Aufklärung eines brutalen und gefühllosen Mordes basierend auf authentischen Verhör- und Gerichtsprotokollen“

Bella Marie behandelt die Aufklärung des kaltblütigen Mordes des Viehkastrierers Melchior an seiner Ehefrau Marie. Peter Biron schildert diese authentische Handlung aus der fiktiven Sicht eines zehnjährigen Nachbarsjungen namens Jakob.

Die Tragödie ereignet sich in der Nachkriegszeit im Jahre 1947 in der deutschen Pfalz. Melchior, ein rauer Viehkastrierer und Marie, eine ruhige Frau haben eine stark zerrüttete Beziehung. Die Ehetreue wird tagtäglich verletzt, Marie wie Melchior gehen dauernd fremd. Es kommt nicht selten vor, dass im Roman bis aufs kleinste Detail geschildert wird, wie Melchior gegenüber seiner Ehefrau handgreiflich wird oder sie sogar vergewaltigt. Die Gewalt des Mannes ist immer wieder Zeichen für die verletzte Moral der Gesellschaft der Nachkriegszeit. Die Umgebung wird durch den Autor genau beschrieben: Die zerstörten Gebäude, die Schusslöcher oder die Bunker aus dem 2. Weltkrieg repräsentieren die Deutsche Geschichte. Durch den schlichten Satzbau, den chronologischen Handlungsablauf, der mit rückblendenden, authentischen Gerichtsprotokollen vernetzt wird, bleibt die Spannung und das Interesse am Weiterlesen während des ganzen Romans erhalten.
Die genannten Ereignisse führen zur Trennung Maries von ihrem 17 Jahre älteren Mann. Mit der psychischen Belastung dieser tragischen Tatsache kann Melchior nicht umgehen und ermordet seine Frau kaltblütig. Aus Angst, dass die Nachbarn und Freunde von Marie deren Leiche entdecken könnten, entschliesst er sich, die Leiche in Stücke zu zerlegen und diese anschliessend in den Abort zu werfen. Probleme bei der Entsorgung der Leiche werden zum Verhängnis für Melchior.
Währenddessen wird in der Stadt viel über die Tat gesprochen und über die möglichen Gründe für das plötzliche Verschwinden von Marie diskutiert.
Die Vorkommnisse in der Pfalz werden aus den Augen eines 10-jährigen Nachbarsjungen verfolgt, der die meisten Fakten rund um den Mord auf dem Pausenplatz erfuhr und damit dem Leser wichtige Informationen liefert.
Bei einer Mandeloperation in der Schweiz gelangt er durch einen Zimmergenossen zu weiteren Zeitungsartikel über den Fall Bella Marie.
Melchior sitzt unterdessen im Gefängnis und wird vom Gefängnisgenossen dazu ermutig, seine Tat zu gestehen. Sein Geständnis führt zur Verurteilung, die ihm eine lange Gefängnisstrafe erbringt.
Es ist schwer, den ausserordentlichen Krimi in der Gesamtheit zu bewerten. Bereits im ersten Kapitel des Buches wird die Tat an Marie geschildert und der Täter dem Leser somit genannt. Obwohl die Spannung um den Mörder dadurch erlischt, gelingt es Peter Biron, die Leser mit seiner präzisen Schreibweise am Weiterlesen zu motivieren. Die Spannung spitzt sich zu, indem Melchior seine Tat bis zum Schluss leugnet.
Wie im Kriminalroman oft zu erkennen ist, zeigt die handfeste Beziehung von Marie und Melchior das gefühlslose, kalte und grobe Eheverhältnis zur Nachkriegszeit um 1950 in Deutschland, wo „eine Frau nur ein paar zerrissene Schuhe besitzt und sich für eine handvoll Kartoffeln und vier Briketts verkauft.“
Mit der wenigen, schlichten Charakteren gelingt es dem Autor vollends, die Hintergründe rund um den 2. Weltkrieg und die soziale Struktur aufzugreifen, indem er zwei Geschichten miteinander verknüpft.
Es ist jedoch fraglich, ob sich ein zehnjähriger Junge mit einem realen Mord so reif auseinandersetzt und dabei einen kühlen Kopf bewahren kann. Es ist zweifelhaft, ob ein Knabe in diesem Alter zu solchen Gedankengängen fähig ist.
Da der Mord von Beginn an aufgeklärt ist, würde die Brisanz des Themas abflachen, wenn der Autor den Tathergang und die Geschichte um den Nachbarsjungen noch detaillierter und umfänglicher schreiben würde. Der Umfang des Buches ist somit dem Inhalt des Themas angepasst.

Empfehlung:
Es ist empfehlenswert, den Roman erst im Alter von ungefähr 16 Jahren zu lesen. Wie bereits erwähnt beschreibt Peter Biron den Tathergang, den kaltblütigen Mord, die Vergewaltigung und im Allgemeinen den Umgang mit dem Geschlechtsverkehr teilweise äusserst detailliert. Auch die authentischen Gerichtsprotokolle sind im Buch unzensiert und originalgetreu abgedruckt.
Dem Autor gelingt es mit „Bella Marie“, die Lebensbedingungen der traumatisierten Kriegsopfer in der Nachkriegszeit aufzuzeigen, indem er eine fiktive Geschichte mit authentischen Gerichtsprotokollen verknüpft. Er zeigt auf, dass eine solche spontane Handlung, wie sie Melchior begangen hat, das Leben nachträglich drastisch beeinflussen kann, auch wenn man die Realität zu verwischen versucht…

Yannik Faes, Philipp Kronenberg, 5F/Mai 2008



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