Welten erleben…

Donnerstag, 12 August 2010

Eine exklusive Liebe (Johanna Adorjan)

Filed under: Geschichte — bru @ 6:39

 

Luchterhand Verlag,  192 Seiten, Erscheinungsdatum: 2009

 Inhalt

Johanna Adorján erzählt die Geschichte des Suizids ihrer Grosseltern:

Vera, eine faszinierende, wunderschöne Frau, die in Budapest als Physiotherapeutin arbeitet, und István, ein Arzt, der Musik über alles liebt, sind alles andere als ein gewöhnliches Paar. Sie siezen sich ihr ganzes Leben lang und rauchen Kette.

Durch viele Gespräche mit Verwandten und Bekannten versucht die Autorin das Leben ihrer Grosseltern nachzuvollziehen. Diese überleben als ungarische Juden den Holocaust: Ihr Grossvater wird im KZ Mauthausen inhaftiert, ihre Grossmutter kann sich noch zusammen mit Johannas Vater in Budapest verstecken. Schon damals hat Vera vor, sich das Leben zu nehmen, falls István nicht mehr zurückkehrt.

Im Jahre 1956 fliehen ihre Grosseltern während des Aufstands von Budapest nach Dänemark. Dort leben sie glücklich miteinander bis István schwer krank wird. Vera will nicht ohne ihn weiterleben und deshalb beschliessen sie, sich 1991 in Kopenhagen gemeinsam das Leben zu nehmen.

Kritik

Johanna Adorján hat das Buch mit sehr viel Feingefühl geschrieben. Sie setzte sich damit gegen ihre Familie durch, in der es immer hiess: „Davon sprechen wir nicht.“ In dem Buch wird das Thema Freitod auf eine sehr persönliche Weise behandelt. Dadurch, dass Johanna Adorján selber von dem Suizid beeinflusst wurde, entstand ein Buch mit vielen persönlichen Eindrücken und Personencharakterisierungen.

Wer jetzt jedoch denkt, die Handlung sei sehr düster, der täuscht sich. Es steht nicht der eigentliche Suizid im Vordergrund, sondern der Weg dazu. Adorján beschreibt mit vielen Rückblenden die Vorgeschichte ihrer Grosseltern mit deren persönlichen Schicksalen: der überlebte Holocaust, die Flucht während Budapester Aufstands und die weite Reise, bis sie schlussendlich in Dänemark landeten.

Doch nicht nur die Geschichte, sondern auch die Personen werden einem in der Geschichte nahegebracht. Vera und Istvan, allein oft unsicher, aber zusammen nicht zu besiegen, haben ein sehr spezielles Verhältnis zueinander. Sie galten als perfektes Paar, waren elegant, unbequem und exzentrisch.

Durch viele Gespräche mit Verwandten und Bekannten ihrer Grosseltern und auch eigenen Erfahrungen entstand ein Bild, das immer noch geheimnisvoll und überraschend

die Geschichte in nicht chronologischer Reihenfolge erzählt, um Spannung aufzubauen.

23. Juni 2009                                         Julia Cluse, Julia Häfliger, Domenika Stutz, Klasse 4D
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Sonntag, 24 August 2008

Die Lüge eines Lebens (Christian von Ditfurth)

Filed under: Geschichte,Gesellschaft — Schlagwörter: , , — bru @ 9:57

Die Lüge eines Lebens von Christian v. Ditfurth ist 2007 beim Kiepenheuer & Witsch Verlag erschienen. Der rund 427 Seiten umfassende Kriminalroman kostet in der Schweiz 35.90 Fr. Aufgrund des hohen historischen Anteil über den Nationalsozialismus ist der Krimi als Erwachsenenroman einzuordnen. Jedoch wie bei allen Kriminalromanen ist die Zielgruppe breit gefächert und das gilt auch bei diesem Krimi. Die Lüge eines Lebens ist der vierte Roman der Stachelmann-Krimireihe.

Der Historiker Josef Maria Stachelmann hat seine Habilitation über das KZ Buchenwald glänzend bestanden. Sein Chef, Professor Bohming, müsste ihn nur noch befördern. Auch das Privatleben lässt keine Wünsche offen, seine Beziehungskrise mit Anne scheint überwunden. Doch dann fallen Schüsse an der Hamburger Universität. Stachelmann realisiert schnell, dass die Schüsse ihm galten. Stachelmann bleibt unverletzt, doch hegt er die Vermutung, dass der Schütze ihn absichtlich verfehlt hat. Die Kriminaluntersuchung verläuft vorerst erfolglos. Als parallel im Internet eine Hetz-Kampagne gegen ihn und seine Habilitationsschrift gestartet wird, entscheidet sich Stachelmann, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Angstzustände plagen ihn und er schlittert immer tiefer in eine Lebenskrise hinein. Er verliert sich zusehends in wirre Gedankengänge. Wer könnte der Täter sein, was sind seine Absichten? Die Internetkampagne ist seine einzige Spur und führt ihn allmählich zu einer Studentin namens Brigitte Stern. Brigitte scheint der Schlüssel zur Lösung zu sein, doch zu einer vollständigen Aussprache kommt es nicht, Brigitte ist verschwunden.

Darstellung
Die Geschichte ist durchgehend in personaler Erzählperspektive verfasst und beinhaltet viele innere Monologe (hauptsächlich von Stachelmann). Der Plot ist meist chronologisch erzählt, blendet aber zum Teil zurück, um historische Zusammenhänge aufzuzeigen.
Stachelmann verkörpert den Krimikommissar schlechthin. Sein Privatleben und die Rolle als typischer Aussenseiter der Gesellschaft wirken teilweise klischeehaft. Sowohl der Handlungsverlauf als auch die Ermittlung sind meist realistisch und gut nachvollziehbar. Die häufig auftretenden inneren Monologe und Gefühlsausbrüche ziehen die Geschichte unnötig in die Länge und beginnen einem spätestens ab der zweiten Buchhälfte an zu langweilen. Als besonders gelungen erachten wir hingegen die Darstellung der historischen Hintergründe, die perfekt in den Krimi eingearbeitet wurden. Ein geschickt eingefügtes Spannungselement für den Leser ist das Internetforum, in welchem immer wieder neue schleierhafte Beiträge erscheinen.
Der Schreibstil ist einfach und durch die kurzen Sätze ergibt sich ein guter Lesefluss. Die Geschichte ist leicht verständlich und bei der Wortwahl zeigt sich Christian von Ditfurth sehr variabel.

Christian von Ditfurth, der selber als Historiker arbeitet, veranschaulicht, wie man Geschichtswissenschaft mit populärer Literatur in Verbindung bringen kann. Die Lüge eines Lebens zeigt, dass vieles nicht so ist, wie man zuerst denkt. Hinter manchen viel geachteten Personen verbirgt sich eine dunkle Vergangenheit.

Empfehlung
Besonders empfehlenswert ist der Kriminalroman für Leute, die sich für den Nationalsozialismus und die Politik der Nachkriegszeit interessieren. Die geschichtlichen Hintergründe sind mit grosser Ernsthaftigkeit recherchiert und lassen keine Zweifel an deren Wahrheitsgehalt.

Audio-Beitrag: Die Lüge eines Lebens (Christian v. Ditfurth)



Die Mittagsfrau (Julia Frank)

Filed under: Geschichte,ohne Kategorie — Schlagwörter: , — bru @ 9:36

Der Roman ‘Die Mittagsfrau’, geschrieben von Julia Franck, erschien im Jahr 2007 im S. Fischer Verlag. Das Buch hat 430 Seiten und ist im Buchhandel für 35.40 Franken erhältlich. Das Werk ist eher ein Roman für Frauen, da  eine Frau im Zentrum steht. Der Roman enthält aber auch historische Daten über den Ersten und Zweiten Weltkrieg und mag so vielleicht auch männliche Leser begeistern. Julia Franck erhielt 2007 für ihr neuestes Meisterwerk „ Die Mittagsfrau“ den deutschen Buchpreis, da die „sprachliche Eindringlichkeit, erzählerische Kraft und psychologische Intensität“  die Jury überzeugten.

Inhalt
In Lausitz erlebt Helene eine harmonische Kindheit, die mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges unerwartet endet. Der Vater von Helene und ihrer Schwester Martha wird an die Ostfront geschickt und kehrt am Ende des Krieges nur zum Sterben wieder nach Hause zurück. Die jüdische Mutter der beiden Mädchen zieht sich zunehmend immer mehr von ihrer Umgebung und auch ihren Kindern zurück. Zwischen Helene und ihrer Mutter entsteht eine immer grösser werdende Distanz, die dadurch entsteht, dass Helene vor ihrer empfindungslosen Mutter weicht, die ihre eigenen Kinder kaum mehr wahrzunehmen scheint. Doch zwischen Helene und ihrer Schwester entsteht in dieser schweren Zeit eine innige und sehr liebevolle Beziehung.
Helene möchte Medizin studieren, ein ungewöhnlicher Zukunftsplan für eine Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach dem Tod des Vaters zieht sie anfangs der zwanziger Jahre mit ihrer Schwester zu ihrer Tante nach Berlin, und während Martha ihrer Freundin Leontine wieder begegnet, lernt Helene Carl kennen. Als dieser kurz vor der Verlobung umkommt, verliert sie den Sinn für das Dasein und flüchtet sich in die Arbeit. Auf einem Fest stellt sich ein gewisser Wilhelm vor, er ist begeisterter Ingenieur, der Reichsautobahnen bauen und Helene heiraten möchte. Die Ehe mit ihm führt Helene nach Stettin, wo ihr Sohn Peter zur Welt kommt, der die zerrüttete Ehe der Eltern jedoch auch nicht retten kann, denn die Differenzen zwischen Helene und dem gefühlskalten Wilhelm sind unüberwindbar. Die Liebe, die der kleine Junge von Helene fordert, die Nähe, die er sucht, werden ihr zunehmend unerträglich. Sie ist hin- und her gerissen zwischen Pflicht und Freiheit. Schließlich trifft sie eine ungeheuerliche Entscheidung…
Der Roman „Die Mittagsfrau“ beginnt sehr packend, interessant und mit einer sehr starken Spannung, die es dem Leser leicht macht, weiterzulesen. Helenes Schicksal verläuft schwankend, mal hat sie ein Hoch, dann wieder ein Tief in ihrem Leben, bis schliesslich ein prägender Verlust Eintritt, nämlich der Tod von Carl. Bis zu diesem Zeitpunkt peilt die Geschichte ein Happyend an, welches dann durch den plötzlichen Verlust verunmöglicht wird. Die Spannung nimmt nach diesem Wendepunkt ab. Das weitere Leben Helenes wird schicksalhaft durch den Ehemann Wilhelm und die Geburt ihres Kindes Peter geprägt. Der Schluss ist sehr detailliert und interessant geschrieben, eine grosse Spannung wird aufgebaut, welche jedoch schlussendlich abrupt endet.

Darstellung:
Das Buch ist in zwei Perspektiven geschrieben: Der grösste Teil aus der Innensicht von Helene und später folgt ein kleinerer Teil aus der Innensicht ihres Kindes. Die ersten Seiten der Geschichte sind eine Rückblende und zeigen das Leben des kleinen Peters und seiner Mutter. Nach der schockierenden Entscheidung der Mutter, endet fürs erste der Teil mit Peter abrupt und stattdessen beginnt die Geschichte von Helene als Mädchen. Der Hauptteil der Geschichte verläuft chronologisch, es wird die Lebensgeschichte von Helene geschildert. Fast zu Ende fliesst die Geschichte wieder in den Anfang, nämlich in Peters Geschichte. Am Schluss findet nochmals eine Rückblende statt, bei dem über das Leben des jugendlichen Peter berichtet wird.
Julia Franck verwendet in ihrem Buch einen verständlichen Wortschatz und lange, oft mit vielen Kommas zusammengefügte Sätze, die jedoch verständlich sind. Einzelne Passagen machen die Geschichte durch direkte Rede anschaulicher. Das Buch ist vor allem für Frauen ab 20 Jahren interessant, da es die Stärke und Entwicklung einer sehr besonderen Frau zeigt. Auch die angesprochenen Themen sind eher anregend für Erwachsene. Für Jugendliche ist der Roman wahrscheinlich zu anspruchsvoll und zum Teil auch etwas zu drastisch und direkt geschrieben, da die Schilderungen teilweise sehr ausführlich und detailliert sind, auch wenn es sich um etwas schauerliche Zustände handelt, wie zum Beispiel die Beschreibung eines durch den Krieg verstümmelten und faulenden Körpers.

Bewertung
Helenes Geschichte ist zum Teil beinahe unrealistisch, wird jedoch durch historische Fakten, aus den beiden Weltkriegen und auch die realen Spielorte näher an die Realität gerückt. Die Geschichte ist anfangs durch den Zeitsprung etwas verwirrend, es braucht Gewöhnung, um das Buch fliessend lesen zu können. Was lobenswert ist, ist, dass der Roman die Leserin nach gewisser Zeit sehr packt und man das Buch kaum mehr weglegen kann, da man wissen will, wie es weiter geht. Helenes Kindheit ist geprägt durch eine einerseits selbstbezogenen Mutter und andererseits einen liebenden Vater. Ihre Kindheit und auch ihr späteres Leben sind gezeichnet von meistens gedrückten Stimmungen, welche sich deutlich im Roman widerspiegeln, obwohl man eine solch starke Frau nicht in einem negativen Licht erleben möchte. Es ist teils sehr verwirrend, wie Helene in einer Situation liebevoll und in einer anderen wieder sehr verloren und verbittert wirkt. Grundsätzlich widerspiegeln sich in ihrem Verhalten deutlich die Ereignisse ihrer Kindheit, denn wie auch ihr Vater zeigt sie ab und zu grosses Mitgefühl für ihre Mitmenschen und im nächsten Moment wirkt sie genauso selbstbezogen wie ihre Mutter. Sehr berührend ist der Zwiespalt Helenes zwischen ihrer Freiheit und dem Wohlbefinden ihres Sohnes. Es ist schade, dass sie teilweise als sehr gefühlskalt dargestellt wird, so fällt es einem schwer, sich in die Hauptfigur hineinzuversetzen. Da die Geschichte eine lange Zeitspanne beschreibt, hat das Buch auch sehr viele Seiten, was jedoch zum besseren Verständnis beiträgt und dafür sorgt, dass sich der Leser teilweise doch auch mit der Figur identifizieren kann. Was sehr verwirrend ist, ist der Titel, der nach dem Lesen des ganzen Buches noch immer nicht ganz nachvollziehbar ist, da die Mittagsfrau im Buch nur kurz erwähnt wird und dies auch nicht im Zusammenhang mit der Hauptfigur Helene.
Der Stil des Buches passt zur Handlung: einfach, aber sehr prägnant. Die Sätze bringen die Handlung auf den Punkt und sind nicht ausschweifend. Etwas abstossend sind die genauen Schilderungen grässlicher Situationen, wie die körperlichen Folgen des Krieges oder auch die Beschreibung, wie Helene zum Geschlechtsverkehr gezwungen wird, was vielleicht jemand vom Weiterlesen abhält. Wir haben das Buch mit gemischten Gefühlen gelesen. Zum einen war da diese beeindruckende Frau, die mit ihrem Schicksal kämpft, zum anderen wirkte sie auch gefühllos und wie ihre Mutter „blind am Herzen“ .

Schluss/Empfehlung
Das Buch „Die Mittagsfrau“ ist wirklich ein sehr besonderer Roman und es ist lohnenswert ein derart packendes und beeindruckendes Meisterwerk zu lesen. Die Geschichte ist eine ungewöhnliche, doch genau deshalb ist das Buch so lesenswert. Also, packen Sie die Gelegenheit einer freien Minute und widmen Sie sich diesem beeindruckenden Meisterwerk!

Audio-Beitrag: Die Mittagsfrau (Julia Frank)



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