Welten erleben…

Donnerstag, 12 August 2010

Macho Man (Moritz Netenjakob)

Filed under: Beziehungen,Gesellschaft — bru @ 11:27

27.02.2009, Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten

 Inhalt

Seit 30 Jahren lebt der Nichtskönner Daniel Hagenberger als „Weichei“. Als sich seine Ex-Frau von ihm trennte, konnte er dies kaum verkraften, obwohl sie ihn schlecht behandelt hatte. Um die ganze Sache zu verarbeiten, reist er nach Antalya. Sein Freund ist dort Saison-Arbeiter in einem Hotel. Als er endlich aus dem Flugzeug aussteigen kann, geschieht ein Missgeschick nach dem anderen. Doch auf mysteriöse Weise lernt er eine bezaubernde und begehrte Frau namens Aylin kennen. Zudem ist sie eine in Deutschland wohnende Türkin. Doch kann eine solche Beziehung trotz kulturellen Problemen funktionieren?

Der Leser erfährt im Buch allerlei über kulturenübergreifende Beziehungen und die jeweiligen Schwierigkeiten. So verbindet der Autor Moritz Netenjakob eine spannende Fantasie-Geschichte mit wahrheitsgetreuen Fakten.

Kommentar

Unserer Meinung nach ist das Buch äussert eindrücklich gestaltet worden. Fantastisch von der erfundenen Geschichte, bis zum problematischen Inhalt.

Aylin, die Traumfrau, verliebt sich in den Loser Daniel. Anhand dessen sieht man, dass Moritz Netenjakob der Meinung ist, dass Gegensätze sich anziehen. Die Beziehung scheint mindestens während den Ferien in Antalya zu funktionieren. Dies wird mit romantischen Liebesszenarien aufgezeigt, bei welchen wir uns oft in dieselbe Situation wünschten.

Zurück in Deutschland wird Daniel mit der türkischen Kultur konfrontiert. Da die ganze Geschichte in der Ich-Erzählform geschrieben ist, wird man in dieselbe Situation hineingezogen. Somit erfährt man viel über die türkische Kultur und ihre Traditionen. Diese konnte Moritz Netenjakob äussert realitätsgetreu schildern, weil seine Frau Türkin ist und ihm so viele Informationen geben konnte. Wir vermuten, dass die Familie von Aylin anhand einer wirklich existierenden türkisch-deutschen Familie erfunden wurde. Die Familie von Daniel könnte ebenfalls real sein, denn Moritz Netenjakob ist nur ein wenig älter als Daniel selbst.

Der Schreibstil ist unserer Meinung nach pfiffig und witzig. Jedoch baut Moritz Netenjakob viele Tatsachen ein, was auch den ernsten Teil lesenswert macht. Mit diesem Gemisch bringt er den nötigen Lesedrang auf, damit man das Buch nicht mehr weglegen kann. Es ist im Allgemeinen sehr jugendlich und umgangssprachlich geschrieben – deshalb ist es auch für diese Lesegruppe gedacht. Aber um den Schreibstil wirklich wahrnehmen zu können, muss man sich selber „einlesen“.

Wir finden das Buch sehr empfehlenswert und raten allen, sich das Buch auszuleihen und sich von ihm fesseln zu lassen.

22.06.2009                                                             Manuel Grossmann, 4D / Damian Gschwend,  4D



Jesabel (Jézabel) von Irène Némirovsky

Filed under: Gesellschaft,Psychologisches — bru @ 10:20

Übersetzung (ins Deutsche):  Eva Moldenhauer, Verlag: btb,

Erscheinungsdatum: – Originalausgabe (franz.): 1936    - deutsche Übersetzung: August 2008

 Inhaltsangabe

Die Geschichte spielt in den 30er Jahren in Paris. Es geht um die reiche Frau Gladys Eysenach, die ewig jung und schön bleiben will. In ihrer Jugend wird sie von allen Männern begehrt. Dieses Begehrtsein liebt und braucht Gladys. Sie tut alles dafür, dass sie immer so begehrt bleibt.

Als ihre Tochter jedoch zur Welt kommt, beobachtet sie neidvoll, wie diese zu einer wunderschönen Frau heranwächst, während sie vom Alter immer stärker gezeichnet wird. Diese Veränderung und die Angst, dass sie immer mehr von ihrer Tochter, Marie-Thérèse, in den Schatten gestellt wird, machen ihr sehr zu schaffen. Gladys tut alles, um den natürlichen Lauf des Älterwerdens zu verhindern. Dafür ist ihr kein Preis zu hoch, nicht einmal das Leben ihrer Tochter. Zum Beispiel verhindert sie die Hochzeit von Marie-Thérèse, damit sie keine Schwiegermutter wird, was ein Beweis dafür wäre, dass sie alt geworden ist. Gladys akzeptiert nicht einmal das Kind, das Marie-Thérèse erwartet. Was sie nicht weiss: Diese Entscheidung wird ihr ganzes Leben verändern…

Kommentar

 In der heutigen Zeit hat die Schönheit einen sehr hohen Stellenwert. Man könnte meinen, dass nur noch äussere Werte zählen. Die Welt wird nur noch objektiv betrachtet und alle wollen schön sein.

In dem Buch „Jesabel“ wird genau dieses Thema aufgegriffen. Das Buch hat deshalb einen gewissen Bezug zur Gegenwart und das Thema ist immer aktuell, da Schönheit in der Gesellschaft immer ziemlich hoch bewertet wird.

Die Geschichte fängt mit einer Gerichtsverhandlung als Vorspann an, in dem Gladys verurteilt wird, einen ihrer vermuteten Liebhaber, Bernard Martin, umgebracht zu haben. Dieser Einstieg führt dazu, dass man gleich am Anfang mit Personen und Fakten überhäuft wird, was zu Verwirrung führen kann. So läuft man Gefahr, dass man das Buch schnell wieder weglegt. Doch im Nachhinein entpuppt sich dieser Einstieg als sehr genial und überlegt. Denn die Informationen, die man während dem Verhör bekommen hat, kommen über die ganze Geschichte verteilt wieder vor und dienen so als Leitfaden.

Während der ganzen Geschichte merkt man, wie wichtig Schönheit und Jugend für Gladys sind, denn die Autorin betont dies sehr oft. Auf Grund der detaillierten Schreibweise kann man sich zum Teil sogar sehr gut in die Lage von Gladys versetzen.

Den Schluss finden wir gut gestaltet und alle Fragen sind eigentlich geklärt, ausser der Frage, warum der Titel des Buches „Jesabel“ ist. Denn in der Geschichte kommt keine einzige Person vor, die Jesabel heisst. Es kommt nur das Zitat „Des Nachts erschien mir meine Mutter Jesabel…“ vor, das man aber zu diesem Zeitpunkt nicht versteht. Deshalb fanden wir das Buch zuerst nicht so gut. Nach einigem Nachforschen im Internet fanden wir schliesslich folgende Erklärung: Der Name Jesabel bedeutet „die schöne Priesterin“ und das Zitat kommt in der Bibel vor. Da taucht auch eine Jesabel auf, die aber eher negativ behaftet ist. Sie wird als Sünderin und Verführerin dargestellt, eigentlich als Hure. Am Schluss wird sie sogar hingerichtet. Diese Hinrichtung kann man mit dem Gerichtsprozess gegen Gladys identifizieren. Somit wird mit dem Namen Jesabel und dem Zitat eigentlich der ganze Charakter von Gladys beschrieben. Das Zitat ist auf Bernards erstes Treffen mit Gladys, welches in der Nacht statt fand, bezogen.

Im Grossen und Ganzen ist das Buch somit sehr gut. Wenn man jedoch die Zusammenhänge, auch mit dem Namen Jesabel und dem Zitat nicht erkennt, ist es etwas langweilig. Wir finden es deshalb sehr bemerkenswert, wie ein einziges Zitat ein ganzes Buch beeinflussen kann. Wir würden das Buch deshalb jedem weiterempfehlen, der gern auch mal zwischen den Zeilen liest.

 23.06.2009                                     Jaqueline Boog, Claudia Frey



Pharmakos (Andreas Laudan)

Filed under: Gesellschaft,Psychologisches,Zukunft — bru @ 10:04

 

Verlag:   dtb, Erscheinungsdatum:  1. Mai 2009, Seiten:    256,  Originalsprache;         

Inhalt

Im Echtzeit-Thriller Pharmakos geht es um einen jungen Mann, der im Jahr 2019 lebt. Deutschland steht kurz vor dem Zusammenbruch. Es sind über 10 Millionen Menschen arbeitslos und viele sind völlig verarmt. Volker Kühn hat seinen Job bei einer Computerfirma als Kundenberater verloren, da er ein starker Raucher ist und somit durch Selbstverschulden einen Kehlkopfkrebs bekommen hat. Jetzt ist er zum Sozialfall geworden und muss in ein Ghetto ziehen. Nach einer Behandlung in einem staatlichen Spital erwacht er und neben ihm liegt der ehemalige Arzt Andresen. Dieser sagt Volker Kühn, dass er von einer Geheimorganisation mit einem Gift namens Axxidizyn vergiftet sei, um so die Kosten für den Staat zu senken. Ausserdem erfährt Volker, dass er in etwa 12 Stunden sterben wird. Andresen sagt ebenfalls, dass es in Hamburg eventuell ein Gegengift gibt.  Nun beginnt eine spannende Flucht vor einer mysteriösen Organisation und vor der Polizei quer durch Deutschland, und das gegen die Zeit.

Kommentar

Wir denken, dass das Buch Pharmakos ziemlich gut ist – insbesondere, weil es sich um das erste Buch von Andreas Laudan handelt. Unserer Meinung nach ist der Titel sehr gut gewählt, da er sehr kurz und prägnant ist. Die Bedeutung des Titels wird im Laufe der Geschichte spannend erklärt. Die Art, wie es geschrieben ist, erzeugt eine grosse Spannung, da die Gefühle der Hauptperson sehr ausführlich beschrieben sind. Man kann sich gut in Volker Kühns Lage versetzen. Weil Andreas Laudan viele Passagen zeitdeckend geschrieben hat, ist die Geschichte gut nachvollziehbar. Aber es gibt auch einige Rückblenden, damit die Geschichte nicht eintönig wir und dem Leser auch wichtige Zusammenhänge klar werden.

Das ganze Buch ist sehr einfach geschrieben. Es sind meistens nur kurze Sätze. Unserer Meinung nach sind Teile der Geschichte ziemlich unrealistisch, zum Beispiel verschwindet der Kehlkopfkrebs von Volker Kühn plötzlich von selbst. Andreas Laudan stellt die Geschichte wie eine Fantasiewelt dar. Bei einigen Ereignissen ist die Wahrscheinlichkeit eines Sechsers im Lotto sogar höher. Der Erzähler ist durchgehend ein personaler Er-Erzähler. Wir finden, dass nicht gut, weil es dadurch ziemlich eintönig wirkt. Es wäre besser, wenn Andreas Laudan zwischendurch in neutraler oder auktorialer Erzählform geschrieben hätte. Wir denken, dass der Autor seine Vorgabe einen Echtzeit-Thriller zu schreiben mehrheitlich erfüllt hat. Wir würden das Buch allen empfehlen, die gerne Actionfilme sehen, weil das Buch von uns aus gesehen wie ein Actionfilm aufgebaut ist. Pharmakos ist für ungeübte Leser gut geeignet. Die Geschichte ist nichts für Leute, die anspruchsvolle Literatur mögen, das hat uns etwas enttäuscht.

22.06.09                      Artes Alicioglu, Thomas Stadelmann,



Pension Eva (Andrea Camilleri)

Filed under: Beziehungen,Gesellschaft — bru @ 7:28

 

Buchverlag:  Kindler/Rowohlt   1. Auflage März 2008

175 Seiten (deutsche Fassung), Übersetzt aus dem Italienischen von Moshe Kahn

Inhalt:

Das Buch „Die Pension Eva“ ist einer der wenigen Romane vom sonstigen Krimiautor Andrea Camilleri. Der Roman behandelt den Lebensausschnitt vom 12 bis zum 18. Lebensjahr einesJungen aus Vigàta auf der Insel Sizilien. Der. Autor beschreibt darin das sexuelle Erwachen der jungen Hauptperson Nenè und seiner zwei besten Freunde. Dabei spielt das Bordell „Pension Eva“ eine grosse Rolle, und zwar nicht nur in sexueller Hinsicht. Als der Vater von Nenès Freund das Bordell übernimmt, verbringt er viele Stunden bei den Frauen, allerdings nicht nur um mit den Frauen zu schlafen, sondern vor allem um von ihrer grossen Lebenserfahrung zu lernen, die sie von ihren Reisen durch die verschiedenen Bordelle Italiens bekommen haben. Auch der 2. Weltkrieg beeinflusst die Entwicklung von Nenè. Denn er lernt im Krieg, auf sich allein gestellt zu sein und sich durchs Leben zu schlagen.

Kommentar:

Wir finden, dass das Buch eine gelungene Erzählung von der Entwicklung Nenès ist, der wegen einem Erlebnis mit seiner Cousine Angela einen sexuellen Minderwertigkeitskomplex erlitt. Andrea Camilleri geht mit der sexuellen Entwicklung von Nenè einfühlsam um, als wäre es seine eigene, auch wenn teilweise etwas übertrieben wird und somit auch die Erzählung dadurch manchmal etwas unrealistisch wirkt. Dieses Unglaubwürdige macht die Geschichte hingegen auch spannend. Der Verlauf der Geschichte ist unberechenbar und es passieren oft unerwartete Dinge, z.B. der vorgetäuschte Mord am Freund einer Prostituierten.

Der Schreibstil ist, bis auf wenige Ausnahmen, wo mit Metaphern umschrieben wird, was in der Pension Eva geschieht, sehr direkt. Zudem ist das Buch sehr kurzweilig zu lesen und es gibt keine künstlich in die länge gezogenen Szenen. Trotzdem bringt der Autor jede Szene authentisch rüber.

Das Buch ist sehr lesenswert, für alle, die eine unterhaltsame und abwechslungsreiche Geschichte lesen wollen, die auch nicht zu lange ist. Der Autor hat die seltene Fähigkeit, mit seiner Art zu erzählen, einen in den Bann zu ziehen, so dass man das Buch nicht mehr weglegen will. Dies vor allem auch wegen seiner Kurzweiligkeit und der vielen Kurgeschichten der Pension Eva, die im Verlaufe der ganzen Geschichte erzählt werden.


Sonntag, 24 August 2008

Die Lüge eines Lebens (Christian von Ditfurth)

Filed under: Geschichte,Gesellschaft — Schlagwörter: , , — bru @ 9:57

Die Lüge eines Lebens von Christian v. Ditfurth ist 2007 beim Kiepenheuer & Witsch Verlag erschienen. Der rund 427 Seiten umfassende Kriminalroman kostet in der Schweiz 35.90 Fr. Aufgrund des hohen historischen Anteil über den Nationalsozialismus ist der Krimi als Erwachsenenroman einzuordnen. Jedoch wie bei allen Kriminalromanen ist die Zielgruppe breit gefächert und das gilt auch bei diesem Krimi. Die Lüge eines Lebens ist der vierte Roman der Stachelmann-Krimireihe.

Der Historiker Josef Maria Stachelmann hat seine Habilitation über das KZ Buchenwald glänzend bestanden. Sein Chef, Professor Bohming, müsste ihn nur noch befördern. Auch das Privatleben lässt keine Wünsche offen, seine Beziehungskrise mit Anne scheint überwunden. Doch dann fallen Schüsse an der Hamburger Universität. Stachelmann realisiert schnell, dass die Schüsse ihm galten. Stachelmann bleibt unverletzt, doch hegt er die Vermutung, dass der Schütze ihn absichtlich verfehlt hat. Die Kriminaluntersuchung verläuft vorerst erfolglos. Als parallel im Internet eine Hetz-Kampagne gegen ihn und seine Habilitationsschrift gestartet wird, entscheidet sich Stachelmann, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Angstzustände plagen ihn und er schlittert immer tiefer in eine Lebenskrise hinein. Er verliert sich zusehends in wirre Gedankengänge. Wer könnte der Täter sein, was sind seine Absichten? Die Internetkampagne ist seine einzige Spur und führt ihn allmählich zu einer Studentin namens Brigitte Stern. Brigitte scheint der Schlüssel zur Lösung zu sein, doch zu einer vollständigen Aussprache kommt es nicht, Brigitte ist verschwunden.

Darstellung
Die Geschichte ist durchgehend in personaler Erzählperspektive verfasst und beinhaltet viele innere Monologe (hauptsächlich von Stachelmann). Der Plot ist meist chronologisch erzählt, blendet aber zum Teil zurück, um historische Zusammenhänge aufzuzeigen.
Stachelmann verkörpert den Krimikommissar schlechthin. Sein Privatleben und die Rolle als typischer Aussenseiter der Gesellschaft wirken teilweise klischeehaft. Sowohl der Handlungsverlauf als auch die Ermittlung sind meist realistisch und gut nachvollziehbar. Die häufig auftretenden inneren Monologe und Gefühlsausbrüche ziehen die Geschichte unnötig in die Länge und beginnen einem spätestens ab der zweiten Buchhälfte an zu langweilen. Als besonders gelungen erachten wir hingegen die Darstellung der historischen Hintergründe, die perfekt in den Krimi eingearbeitet wurden. Ein geschickt eingefügtes Spannungselement für den Leser ist das Internetforum, in welchem immer wieder neue schleierhafte Beiträge erscheinen.
Der Schreibstil ist einfach und durch die kurzen Sätze ergibt sich ein guter Lesefluss. Die Geschichte ist leicht verständlich und bei der Wortwahl zeigt sich Christian von Ditfurth sehr variabel.

Christian von Ditfurth, der selber als Historiker arbeitet, veranschaulicht, wie man Geschichtswissenschaft mit populärer Literatur in Verbindung bringen kann. Die Lüge eines Lebens zeigt, dass vieles nicht so ist, wie man zuerst denkt. Hinter manchen viel geachteten Personen verbirgt sich eine dunkle Vergangenheit.

Empfehlung
Besonders empfehlenswert ist der Kriminalroman für Leute, die sich für den Nationalsozialismus und die Politik der Nachkriegszeit interessieren. Die geschichtlichen Hintergründe sind mit grosser Ernsthaftigkeit recherchiert und lassen keine Zweifel an deren Wahrheitsgehalt.

Audio-Beitrag: Die Lüge eines Lebens (Christian v. Ditfurth)



Böse Schafe (Katja Lange-Müller)

Filed under: Gesellschaft — Schlagwörter: , , — bru @ 9:51

Wir liegen auf den Matratzen, Kopf an Kopf, bewegen uns kaum, atmen flach. Deine Augen sind geschlossen, meine schauen hoch zum Fenster… Wir haben einander und Zeit; nichts sonst, doch davon ganz viel, obwohl es scheint, als existiere sie gar nicht mehr.
Ich bin frei, nicht zu, sonder von allem, und trotzdem nicht einsam…

So beginnt Katja Lange- Müllers neuer Roman „Böse Schafe“. Bereits der Titel ruft einen Widerspruch hervor, denn Schafe gelten als ruhige und gutmütige Tiere. Doch in diesem 205-seitigen Werk geht es genau um die unterschiedlichen Charakter der Protagonistin Soja und ihrem Geliebten Harry.
Das im August 2007 erschienene Buch ist für 30 sFr. erhältlich und wurde vom deutschen Verlag Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht.
Der Autorin ist mit ihrem neuen Buch ein einzigartiger Liebesroman gelungen, der seinesgleichen sucht. Voller Liebe, Wärme, Gefühl und Eckkneipenromantik und gleichzeitig so voller zerstörter Hoffnungen, Illusionen und trauriger Drogenrealität.

Die Ich-Erzählerin Soja erliegt dem selbstbewussten „Teddybär – Charme“ von Harry, kurz nach ihrem Wechsel aus der DDR nach West-Berlin. „Na, Mausepuppe, wohin geht’s?“  waren seine ersten Worte auf der Strasse, und die sassen!
Die Geschichte beginnt im April des Jahres 1987 im Westen Berlins: Soja schreibt für ihren Geliebten und vielleicht auch für sich selbst die Geschichte auf, welche ihr Leben geprägt oder möglicherweise auch zerstört hat. Soja, die vor dem Mauerfall von Ost- nach Westberlin ausgereist ist, versucht sich nun im Westen der Stadt durchzuschlagen.
Die Blumenverkäuferin trifft mit Harry nicht nur die grosse Liebe, sondern auch eine soziale Herausforderung. Sie wird zu einer Art Sozialarbeiterin, die sich aufopfernd und liebevoll um die Liebe ihres Lebens kümmert.
Als sie von seiner Drogensucht erfährt ist es bereits zu spät, sich von ihm zu trennen, da sie dem wortkargen Mann mit Haut und Haar verfallen ist. Das Paar lebt wochenlang nur von Arbeitslosengeld und „Blumenkohle“, bis Soja plötzlich im Lotto gewinnt. Hemmungslos schildert die Autorin, wie beide, ein Fixer und eine Säuferin, sich bis über den Tod hinaus aneinander klammern:
Soja beginnt ihr eigenes Leben zu vernachlässigen und stellt ihre Bedürfnisse in den Hintergrund. Sie widmet ihr Leben voll und ganz Harry, denn es gibt Momente, da ist Mitleid nicht so schmerzhaft wie Selbstmitleid.

Ein Schulheft mit undatierten neunundachtzig Notizen hat Harry Soja hinterlassen. Dieses intime Schreibheft stellt die zweite Erzählerstimme des Romans dar. Die Sätze nehmen Bezug auf die Zeit, in der die Liebesgeschichte stattgefunden hat, doch darin findet sich der Name von Soja kein einziges Mal: Es ist eine komplette Ausblendung seiner wichtigsten Bezugsperson. In diesen Aufzeichnungen zeigt sich Harry von einer bisher nicht gekannten, zynischen, rücksichtslosen, gehässigen Seite, besonders gegenüber den Menschen, die ihm helfen wollten. Als Gegenleistung hat er also nur mit Verrat, Lüge und Betrug reagiert.

Doch trotz allem hält Soja zu ihm und nimmt sich vor, der Herausforderung standzuhalten und ihm aus dem Drogensumpf herauszuhelfen. Genau aus diesem Grund stellt sie sich immer wieder die Frage, ob Harry sie je geliebt oder ihr nur etwas vorgespielt hat, um ihre bedingungslose Hilfsbereitschaft auszunutzen. Hat sie sich diese Liebe womöglich nur eingebildet und die ganz Zeit über nur in einer Fantasiewelt gelebt?

Unsere Einschätzung
Es ist ein sprachlich eher kompliziertes und anspruchvolles Buch, in dem die Unterschiedlichkeit der Charaktere der beiden Protagonisten gut dargestellt wird.
Die Sätze sind sehr lang und innerhalb eines Satzes können mehrere Zeitsprünge stattfinden. Lange-Müller verwendet viele Metaphern, um die Thematik der Geschichte zu veranschaulichen. Dies fanden wir teilweise unpassend. Einige Passagen mussten wir mehrmals lesen, um sie auch zu verstehen.
Der Roman ist in der Ich-Erzählerperspektive verfasst, um bewusst eine Identifizierung mit der Protagonistin Soja zu erzielen. Die Autorin schafft es durch ihren Schreibstil das Tragische in der Geschichte mit viel Witz und Ironie zu „verschleiern“.
Die Geschichte entwickelt sich erst allmählich, so dass man am Anfang nicht recht weiss, auf was man sich beim Lesen einlässt. Die Sicht der Ich-Erzählerin Soja wird durch verschiedene Tagebuchausschnitte Harrys unterbrochen. Diese hat sie in einem Heft ihres Geliebten gefunden und so erfährt sie im Nachhinein noch manches über ihren Harry.
Die Autorin beschreibt auf der einen Seite durchaus nachvollziehbar, wie Liebe zur Selbstaufgabe führen kann, auf der anderen Seite aber auch, welche Energien sie freisetzt und welchen Pein sie zu ertragen hilft.
Was zu Beginn den Eindruck eines tieftraurigen Romans macht, bei dem es um den Tod und das Dahinleben von Harry geht, entpuppt sich im Verlauf als teils komische, teils dramatische, aber in jedem Falle bewegende Liebesgeschichte; denn was Soja wirklich an Harry findet, warum sie sich so an ihn hängt, bleibt für uns ein Rätsel. Und das finden wir wiederum das Schöne an diesem Roman: es gibt Dinge, die passieren einfach, auch wenn sie nicht logisch erklärbar sind. Denn wie jeder weiss, macht Liebe blind…

Das Einzige, was wir an diesem Buch auszusetzen haben, ist, dass die Thematik des Falles der Berliner Mauer und die damit verbundenen politischen Auseinandersetzungen zwischen dem Osten und dem Westen nur vereinzelt und unklar zur Sprache kommt. Dieser Konflikt wird nicht, wie nach dem Lesen mehrerer Rezensionen erwartet, detailliert geschildert, sondern ungenau und ohne direkten Bezug zu den Protagonisten.

Für Leser, die kitschige oder romantische Liebesgeschichten mögen, ist das Buch nicht das Richtige. Die selbstzerstörerische Liebe Sojas, die unter schwierigsten Umständen in Gang kommt, und ihre teilweise naive Art, mit den Dingen umzugehen, haben wenig mit Romantik, dafür mit viel Realität zu tun. Die Botschaft des Buches ist, dass die Liebe vieles überwinden kann, sowohl Alkohol- und Drogenprobleme. Sie schenkt den Liebenden Kraft für den Zusammenhalt und Hoffnung auf eine bessere Zukunft, sowie es bei Soja geschehen ist.
Empfehlung
Beeindruckt von der Art der Autorin, die Geschichte auf eine Weise zu erzählen, die es dem Leser leicht macht sich in das Geschehen hineinzuversetzen, empfehlen wir diese tabulose Buch jedem weiter, der Lust auf eine einmal „etwas andere“ Liebesgeschichte hat.

Audio-Auszug: Böse Schafe



Samstag, 16 August 2008

Mobbing (Annette Pehnt)

Filed under: Familie,Gesellschaft — Schlagwörter: , , , , — bru @ 7:21

Mobbing von Annette Pehnt, 2007 erschienen beim Piper-Verlag aus München, erstreckt sich über 160 Seiten und bietet einer breiten Altersgruppe von zirka 16-35 Jahren einen spannenden Roman über – wie der Titel schon sagt – Mobbing. Anette Pehnt (2000, Förderpreis der Kunststiftung Badem-Württemberg) bietet eine eindrückliche Einsicht in das soziale Umfeld einer gemobbten Person.
Die zentrale Rolle innerhalb übernimmt die Frau eines Gemobbten. Eindrücklich schildert die Autorin die Gedanken der Protagonistin und deren Verhalten bezüglich den psychischen Schäden ihres gemobbten Ehemannes Jo. Gekonnte nimmt Annette Pehnt die Thematik eines Stellenverlustes durch gezielte psychische Angriffe auf die Integrität ihres Mannes auf und gibt dem Leser einen Einblick, welcher sehr beeindruckend auf den Leser wirkt. Die Geschichte ist zeitlos und könnte in jeder erdenklichen Epoche und in jedem geographischen Raum spielen, diese Tatsache und der flüssige Schreibstil der Autorin machen das Buch auch schon für junge Menschen sehr interessant und lesenswert. Zudem ist das Buch in kurzen und verständlichen Sätzen geschrieben. Dieser Schreibstil ermöglicht es der Autorin, dem inneren Monolog und dem Konflikt mit sich selber einen realistischen Nachdruck zu verleihen.  Die Frau des Gemobbten gibt dem Leser mit zahlreichen Rückblenden einen Einblick in das familiäre Leben einer durchschnittlichen deutschen Vorstadtfamilie mit 2 Kindern, eigenem Haus und Auto. In den zwei Kapiteln, welche je einen Tag darstellen, ist kaum ein Spannungsaufbau vorhanden. So gibt es während des Buches lediglich einen Wendepunkt.

Empfehlung
Mit der Wahl des Buches haben wir einen Volltreffer gelandet. Wir sind betroffen von den eindrücklich geschilderten Erfahrungen einer gemobbten Person. Die Handlung ist zwar nicht so spannend, da sich die Vorgänge stets wiederholen, aber trotzdem packend. Annette Pehnt hat uns mit ihrem Buch sehr inspiriert und unsere Verhaltensweise beeinflusst bzw. unsere Sicht auf das heikle Thema Mobbing verändert. Wir konnten uns mit der Person identifizieren und mitfühlen, wie schwierig die Situation für sie ist und wie sehr sie darunter leidet. Manchmal ist jedoch unklar, in welcher Zeit die Frau des Gemobbten sich befindet, da es sehr viele Rückblenden hat und sich die Erzählzeit nur über zwei Tage erstreckt. Im Grossen und Ganzen sind wir mit dem Buch sehr zufrieden und würden es anderen auch empfehlen es zu lesen.
Wir haben gelernt, dass Mobbing einen extremen Einfluss auf die betroffenen Individuen und deren soziales Umfeld hat .
Fabian Gloor, Dejan Mijailovic  5F/Mai 2007

Audio-Auszug: Mobbing



Powered by WordPress