Wir liegen auf den Matratzen, Kopf an Kopf, bewegen uns kaum, atmen flach. Deine Augen sind geschlossen, meine schauen hoch zum Fenster… Wir haben einander und Zeit; nichts sonst, doch davon ganz viel, obwohl es scheint, als existiere sie gar nicht mehr.
Ich bin frei, nicht zu, sonder von allem, und trotzdem nicht einsam…
So beginnt Katja Lange- Müllers neuer Roman „Böse Schafe“. Bereits der Titel ruft einen Widerspruch hervor, denn Schafe gelten als ruhige und gutmütige Tiere. Doch in diesem 205-seitigen Werk geht es genau um die unterschiedlichen Charakter der Protagonistin Soja und ihrem Geliebten Harry.
Das im August 2007 erschienene Buch ist für 30 sFr. erhältlich und wurde vom deutschen Verlag Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht.
Der Autorin ist mit ihrem neuen Buch ein einzigartiger Liebesroman gelungen, der seinesgleichen sucht. Voller Liebe, Wärme, Gefühl und Eckkneipenromantik und gleichzeitig so voller zerstörter Hoffnungen, Illusionen und trauriger Drogenrealität.
Die Ich-Erzählerin Soja erliegt dem selbstbewussten „Teddybär – Charme“ von Harry, kurz nach ihrem Wechsel aus der DDR nach West-Berlin. „Na, Mausepuppe, wohin geht’s?“ waren seine ersten Worte auf der Strasse, und die sassen!
Die Geschichte beginnt im April des Jahres 1987 im Westen Berlins: Soja schreibt für ihren Geliebten und vielleicht auch für sich selbst die Geschichte auf, welche ihr Leben geprägt oder möglicherweise auch zerstört hat. Soja, die vor dem Mauerfall von Ost- nach Westberlin ausgereist ist, versucht sich nun im Westen der Stadt durchzuschlagen.
Die Blumenverkäuferin trifft mit Harry nicht nur die grosse Liebe, sondern auch eine soziale Herausforderung. Sie wird zu einer Art Sozialarbeiterin, die sich aufopfernd und liebevoll um die Liebe ihres Lebens kümmert.
Als sie von seiner Drogensucht erfährt ist es bereits zu spät, sich von ihm zu trennen, da sie dem wortkargen Mann mit Haut und Haar verfallen ist. Das Paar lebt wochenlang nur von Arbeitslosengeld und „Blumenkohle“, bis Soja plötzlich im Lotto gewinnt. Hemmungslos schildert die Autorin, wie beide, ein Fixer und eine Säuferin, sich bis über den Tod hinaus aneinander klammern:
Soja beginnt ihr eigenes Leben zu vernachlässigen und stellt ihre Bedürfnisse in den Hintergrund. Sie widmet ihr Leben voll und ganz Harry, denn es gibt Momente, da ist Mitleid nicht so schmerzhaft wie Selbstmitleid.
Ein Schulheft mit undatierten neunundachtzig Notizen hat Harry Soja hinterlassen. Dieses intime Schreibheft stellt die zweite Erzählerstimme des Romans dar. Die Sätze nehmen Bezug auf die Zeit, in der die Liebesgeschichte stattgefunden hat, doch darin findet sich der Name von Soja kein einziges Mal: Es ist eine komplette Ausblendung seiner wichtigsten Bezugsperson. In diesen Aufzeichnungen zeigt sich Harry von einer bisher nicht gekannten, zynischen, rücksichtslosen, gehässigen Seite, besonders gegenüber den Menschen, die ihm helfen wollten. Als Gegenleistung hat er also nur mit Verrat, Lüge und Betrug reagiert.
Doch trotz allem hält Soja zu ihm und nimmt sich vor, der Herausforderung standzuhalten und ihm aus dem Drogensumpf herauszuhelfen. Genau aus diesem Grund stellt sie sich immer wieder die Frage, ob Harry sie je geliebt oder ihr nur etwas vorgespielt hat, um ihre bedingungslose Hilfsbereitschaft auszunutzen. Hat sie sich diese Liebe womöglich nur eingebildet und die ganz Zeit über nur in einer Fantasiewelt gelebt?
Unsere Einschätzung
Es ist ein sprachlich eher kompliziertes und anspruchvolles Buch, in dem die Unterschiedlichkeit der Charaktere der beiden Protagonisten gut dargestellt wird.
Die Sätze sind sehr lang und innerhalb eines Satzes können mehrere Zeitsprünge stattfinden. Lange-Müller verwendet viele Metaphern, um die Thematik der Geschichte zu veranschaulichen. Dies fanden wir teilweise unpassend. Einige Passagen mussten wir mehrmals lesen, um sie auch zu verstehen.
Der Roman ist in der Ich-Erzählerperspektive verfasst, um bewusst eine Identifizierung mit der Protagonistin Soja zu erzielen. Die Autorin schafft es durch ihren Schreibstil das Tragische in der Geschichte mit viel Witz und Ironie zu „verschleiern“.
Die Geschichte entwickelt sich erst allmählich, so dass man am Anfang nicht recht weiss, auf was man sich beim Lesen einlässt. Die Sicht der Ich-Erzählerin Soja wird durch verschiedene Tagebuchausschnitte Harrys unterbrochen. Diese hat sie in einem Heft ihres Geliebten gefunden und so erfährt sie im Nachhinein noch manches über ihren Harry.
Die Autorin beschreibt auf der einen Seite durchaus nachvollziehbar, wie Liebe zur Selbstaufgabe führen kann, auf der anderen Seite aber auch, welche Energien sie freisetzt und welchen Pein sie zu ertragen hilft.
Was zu Beginn den Eindruck eines tieftraurigen Romans macht, bei dem es um den Tod und das Dahinleben von Harry geht, entpuppt sich im Verlauf als teils komische, teils dramatische, aber in jedem Falle bewegende Liebesgeschichte; denn was Soja wirklich an Harry findet, warum sie sich so an ihn hängt, bleibt für uns ein Rätsel. Und das finden wir wiederum das Schöne an diesem Roman: es gibt Dinge, die passieren einfach, auch wenn sie nicht logisch erklärbar sind. Denn wie jeder weiss, macht Liebe blind…
Das Einzige, was wir an diesem Buch auszusetzen haben, ist, dass die Thematik des Falles der Berliner Mauer und die damit verbundenen politischen Auseinandersetzungen zwischen dem Osten und dem Westen nur vereinzelt und unklar zur Sprache kommt. Dieser Konflikt wird nicht, wie nach dem Lesen mehrerer Rezensionen erwartet, detailliert geschildert, sondern ungenau und ohne direkten Bezug zu den Protagonisten.
Für Leser, die kitschige oder romantische Liebesgeschichten mögen, ist das Buch nicht das Richtige. Die selbstzerstörerische Liebe Sojas, die unter schwierigsten Umständen in Gang kommt, und ihre teilweise naive Art, mit den Dingen umzugehen, haben wenig mit Romantik, dafür mit viel Realität zu tun. Die Botschaft des Buches ist, dass die Liebe vieles überwinden kann, sowohl Alkohol- und Drogenprobleme. Sie schenkt den Liebenden Kraft für den Zusammenhalt und Hoffnung auf eine bessere Zukunft, sowie es bei Soja geschehen ist.
Empfehlung
Beeindruckt von der Art der Autorin, die Geschichte auf eine Weise zu erzählen, die es dem Leser leicht macht sich in das Geschehen hineinzuversetzen, empfehlen wir diese tabulose Buch jedem weiter, der Lust auf eine einmal „etwas andere“ Liebesgeschichte hat.
Audio-Auszug: Böse Schafe