
Eine Rezension des Bestsellers „Lea“ von Pascal Mercier Von David Renggli und Lea Marberger
Die Novelle „Lea“ wurde von Peter Bieri unter dem Pseudonym Pascal Mercier geschrieben und ist im Jahre 2007 vom Carl Hansler Verlag in München herausgegeben worden. Das Werk umfasst 252 Seiten und der Neupreis liegt in Deutschland bei 19 Euro. Der Schweizer Autor ist 1944 in Bern geboren und betätigt sich als Schriftsteller und Philosoph. Sein bekanntestes Werk ist der im Jahre 2004 erschienene Roman „Nachtzug nach Lissabon“, für welchen er im Jahre 2006 den Maire-Luise-Kaschnitz-Preis erhalten hat.
Inhalt
Dieses Buch erzählt in 34 Kapiteln die Geschichte von Lea, einem jungen Mädchen, das in jungem Alter seine Mutter verlor und deshalb in eine tiefe Depression fiel, bis sie eines Tages im Berner Bahnhof einer Geigerin zuhörte und deshalb von neuer Lebenslust gepackt wird.
Leas Vater, Martijn Van Vliet, trifft eines Tages in der Provence einen Fremden, Adrian Herzog. Im Gespräch stellt sich heraus, dass die beiden Männer beide aus Bern kommen. Auf der gemeinsamen Heimreise, die zwischen den beiden Fremden eine ungeahnte Intimität schafft, erzählt Van Vliet die tragische Geschichte seiner Tochter, die ihn nach Südfrankreich geführt hatte.
Alles begann mit dem Tod seiner Frau, die ihn mit seiner Tochter zurückliess. Vor Trauer erstarrt, verschloss sich das Kind gegenüber seiner Umwelt, bis es mit acht Jahren eine Strassenmusikantin hörte, die eine Violinpartitur von Bach spielte. Von einem Moment auf den anderen war für Lea klar, dass sie Geige spielen lernen musste. Van Vliet ist überglücklich, dass seine Tochter endlich aus ihrer Starre erwacht. Schon bald zeigt sich ihre ungewöhnliche Begabung, doch damit beginnt auch ihr tragisches Verhängnis. Lea eilt von Erfolg zu Erfolg, ihren Vater aber treibt dieser Umstand immer tiefer in die Einsamkeit. Bei seinem letzten verzweifelten Versuch, die Liebe und die Nähe seiner Tochter zurückzugewinnen, verstrickt er sich in ein Verbrechen, das seine bürgerliche Existenz ruinieren wird. Aber auch Lea ist es nicht vergönnt, ihre musikalischen Erfolge auszukosten. Ihr Geist verdunkelt sich und lässt sie schliesslich etwas tun, was alles zerstört.
Der Grossteil der Geschichte wird aus der rückblickenden Sicht von Van Vliet erzählt und wird durch einfühlsame Anteilname und Verständnis vom eigentlichen Ich-Erzähler, Adrian Herzog untermalt. Herzog selber ist ein an sich zweifelnder Chirurg und Familienvater. Er hinterfragt und vergleicht seine Art der Erziehung mit der von Van Vliet. Die gewissen Parallelen verstärken das grosse Verständnis für Van Vliets Handeln. Die Erzählung gibt auch Einblick in das emotionale Innere der handelnden Personen.
Pascal Merciers Novelle handelt von der Fremdheit der Menschen untereinander und stellt die Frage, wie weit wir den Gang unseres Lebens bestimmen können. Es gelingt ihm aber nur teilweise, philosophische Reflexion, psychologische Einfühlsamkeit und erzählerische Vielfalt zu verbinden.
Bewertung
Bei der inhaltlichen Bewertung des Buches möchten wir zuerst auf die Handlung eingehen. Die Handlung ist am Anfang des Buches eher träge und man braucht eine Weile, um sich mit der Personenkonstellation zurechtzufinden, denn die Erzählung schwankt immer von der Realität, in der sich Van Vliet und Herzog befinden, zur Zeit, in der sich die Geschichte von Lea abspielte. Das ist am Anfang eher verwirrend und erschwert den Einstieg in das Buch. Der Leser steht über weite Strecken im Dunkeln und kann nur schwer nachvollziehen worum es eigentlich geht. Wenn man sich erst einmal durch das erste Viertel gekämpft hat, wird die Handlung flüssiger und man kann die Zeitsprünge ohne Probleme nachvollziehen. Es wird eine passive Spannung aufgebaut. Obwohl die Geschichte oft künstlich in die Länge gezogen wird und demzufolge nicht gerade spannend ist, hat man doch den Drang immer weiter zu lesen. Leider bietet auch der Schluss eine grosse Angriffsfläche für Kritik, denn das Ende ist zwar nicht vorhersehbar, aber das Buch ist einfach, ohne die langersehnten Erklärungen oder Auflösungen, plötzlich fertig.
Als gelungen empfinden wir jedoch die Gestaltung der einzelnen Personen. Die Charaktere sind sehr verschieden, und man gewinnt während der Geschichte einen tieferen Einblick in die Persönlichkeit der Menschen, der berührend und aufschlussreich zugleich ist. Auch die Vater-Tochter Beziehung wird eindrücklich beschrieben, sodass man mit Van Vliet mitfühlen kann und sein Handeln besser versteht.
Etwas „gesucht“ scheinen einzelne Situationen am Anfang des Buches, wo Van Vliet einfach so eine andere Person trifft, mit der er sich auf die Heimreise macht, oder dass Lea zufälligerweise eine Geigerin spielen hört. Wahrscheinlich sind diese Ereignisse aber bewusst so beschrieben, dass sie nicht ganz zufällig wirken, sodass der philosophischen Frage, inwiefern wir unser Leben selber bestimmen können, Nährboden gegeben wird.
Die Sprache ist ziemlich abwechslungsreich und gut verständlich, zudem pflegt der Autor einen sehr guten, vielfältigen Stil. Das entspricht auch dem Zielpublikum, junge erwachsene Frauen, sowie Leser und Leserinnen zwischen 35 und 60. Speziell ist, dass einige wichtige Aussagen und Zitate in Französisch sind, jedoch eine Übersetzung fehlt. Mit minimalen Französischkenntnissen und ein bisschen Fantasie stellen diese Passagen jedoch kein Problem dar. Die Sprachwahl der einzelnen Personen spiegelt deren Hintergrund, was zu ihrer Authentizität beiträgt. Die Sprache variiert sehr stark. Je nach Situation ist sie beschreibend, emotional, lustig oder gar nüchtern. Durch das ganze Buch hindurch wird aber lebendig und vielseitig erzählt, wobei die Sprache nie aufgesetzt oder klischeehaft wirkt. Die oft langen Sätze sind gut verständlich.
Der gute Stil sowie die gut gewählte Sprache sind zu loben, trotzdem ist der Umfang des Buches etwas zu lang. Man hätte ohne weiteres einige Passagen auslassen können, ohne sprachliche und stilistische Qualitäten zu verlieren. Nicht einmal inhaltlich hätte etwas ausgelassen werden müssen, denn es sind Wiederholungen zu finden und einige Textpassagen sind für den weiteren Verlauf der Geschichte nicht von Bedeutung.
Leserempfehlung
Wie in der Einleitung erwähnt, beschäftigt sich der Autor auch mit Philosophie. Die Hauptfrage, welcher das Buch nachgeht, ist, inwiefern wir Menschen bestimmen können, wie wir unser Leben gestalten. Man kann davon ausgehen, dass Mercier denkt, dass vieles vorbestimmt ist und so kommt, wie es kommen muss. Wir sind jedoch mit dieser Haltung nicht ganz einverstanden, da man immer die Chance hat eine Entscheidung zu treffen. Mercier überlässt seinen Charakteren in diesem Buch meist keine Entscheidungsfreiheit, sondern sie machen einfach das Naheliegende, ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein, was manchmal beinahe lächerlich erscheint.
Wir möchten zukünftigen Lesern anraten, mit positiven Erwartungen an „Lea“ zu gehen, ohne sich aber in eine „Euphorie“ zu stürzen. Die Geschichte ist berührend und wird wohl emotionale Leserinnen und Leser begeistern können, die Botschaft und die Hauptaussage werden vermutlich jedoch rational denkende Menschen weniger ansprechen.
Trotz allem möchten wir nicht von diesem Buch abraten. Wer das Buch vom Unterhaltungsaspekt aus gesehen liest, wird wahrscheinlich nicht enttäuscht werden, da es Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit aufweist, sowie Themen behandelt, die man sonst eher nicht antrifft.
Im Grossen und Ganzen ist „Lea“ ein gelungenes Buch!
Audio-Auszug