Welten erleben…

Donnerstag, 12 August 2010

Der gestohlene Abend (Wolfram Fleischhauer)

Filed under: ohne Kategorie — bru @ 8:47

Erscheinungsdatum:     Oktober 2008,  Verlag: Piper, Sprache:  Deutsch,  Seitenanzahl:  368

Autor

Wolfram Fleischhauer, geboren 1961 in Karlsruhe, studierte Literaturwissenschaften und ist heute Konferenzdolmetscher. Als einer der wenigen deutschen Schriftsteller geniesst er weltweites Ansehen. Ein persönliches Erlebnis hat ihn dazu getrieben, diesen Roman zu verfassen. Er versucht, das Schlüsselerlebnis, bei welchem ein ehemaliger Professor von ihm Thesen veröffentlichte, welche scharf kritisiert wurden, im Buch zu rekonstruieren. Bei den Thesen handelt es sich um antisemitistische Äusserungen. Es ist also eine Art Autobiographie, jedoch als fiktive Geschichte verfasst und somit ist nicht alles wahrheitsgetreu.

Inhalt

Matthias, ein Austauschstudent aus Deutschland, studiert ein Jahr lang Literaturwissenschaften in der renommierten Hillcrest Universität in Kalifornien, USA.

Eigentlich hatte er sich vorgenommen, mehr über die Literatur und vor allem mehr über die nationalsozialistischen  Thesen von Jacques de Vander, einem Literaturwissenschaftler, zu erfahren. Stattdessen verliebt er sich in die Studentin Janine und spannt sie ihrem Freund David aus. Dieser ist Vorzeigestudent der INAT, dem Institut für die Theorien von de Vander. Während Matthias mit seiner Situation um die undurchschaubare Janine und dem Drang, das Geheimnis um de Vander zu lösen, ist es ausgerechnet David, sein Rivale, der ihm die Augen  über die erschreckende Wahrheit hinter den Thesen von Jacques de Vander öffnet.

Kommentar

Im Grossen und Ganzen hat Wolfram Fleischhauer mit seiner Autobiographie ein gutes und übersichtlich strukturiertes Buch geschrieben. Die Verbindung zwischen der Autobiographie und Fiktion übermittelt ein ganz spezielles Leseerlebnis, denn die vom Autor selbst erlebten Ereignisse sind sehr gut mit der dazu geschriebenen Geschichte verknüpft.

Die gewählte Erzählform in der Ich- Perspektive verstärkt den gesamten Eindruck des Buches. Man hat das Gefühl, als würde man als  chatten von Matthias die Geschichte selber miterleben.

Jedoch hat Wolfram Fleischhauer für unseren Geschmack zu viele literarische Begriffe verwendet. Es kommt kein richtiger Lesefluss auf, da man viele Wörter nicht auf Anhieb verstehen kann. Er hat es nach unserer Meinung nicht geschafft, die literaturtheoretischen Abschnitte so zu schildern, damit es auch für Laien verständlich und interessant ist.



Der Russe aus Nizza (Leif Davidsen)

Filed under: ohne Kategorie — bru @ 8:20

Verlag: Zsolnay, Wien; Erscheinungsjahr: 2006 Orginal, Deutsch 2008
Seitenzahl: 476, Textsorte: Roman
Übersetzung: Aus dem Dänischen von Anne-Britt Gerecke

Inhalt

Die beiden Hauptfiguren des Buches sind Marcus und Nathalie Hoffmann. Marcus, ein viel reisender Manager, hat seine Frau Nathalie in Moskau kennen gelernt. Seit ihrer Hochzeit vor 10 Jahren leben sie in Kopenhagen. Obwohl Marcus seine Freizeit lieber im Ferienhaus am dänischen Strand verbringt, kann Nathalie ihn zu einer Schiffsreise von Moskau nach St. Petersburg überreden. Das Ganze kommt für Marcus ziemlich überraschend, da Nathalie bis anhin nie mehr in ihre Heimat zurückwollte.
Doch es kommt, wie es kommen muss: Während das Schiff in Uglitsch ankert, verschwindet Nathalie spurlos von Bord. Weder die örtliche Polizei noch die dänische Botschaft in Moskau nimmt die Sache ernst. Marcus befürchtet das Schlimmste. Deshalb begibt er sich mit Hilfe des Strassenjungen Sascha in einem fremden Land selbst auf Spurensuche. Der russische Alltag ist geprägt durch Korruption, politische Intrigen und Gewalt. Marcus stellt fest, dass er über Nathalie, die Person, die er am meisten liebt, wenig weiss. In Uglitsch hat sie sich freiwillig abgesetzt und den gefährlichen Kontakt zur Halbschwester, die für den tscheschenischen Widerstand tätig ist, gesucht. Für Marcus bricht eine Welt zusammen. Dank Marcus Vater und der Schlauheit Saschas findet er schliesslich Nathalie auf dem Gelände eines ehemaligen russischen Gefangenenlagers.

Kommentar

Leif Davidsen gibt Einblicke in das Russland von heute. Spannung kommt erst nach der langatmigen Einleitung mit dem Verschwinden Nathalies auf. Von da an versteht es Davidsen, den Spannungsbogen bis am Schluss aufrecht zu halten. „Der Russe aus Nizza“ ist weder ein Thriller noch ein Beziehungsroman. Es ist eine gekonnte Mischung. Die Handlung wirkt stellenweise gesucht, z.B. wie Marcus dem Russen Viktor Terechow in Nizza beisteht, oder wie der Autor die Befreiung Nathalies am Schluss in „James Bond Manier“ darstellt. Der Held Marcus erzählt die Geschichte in Ich-Form. Der Roman baut auf einem einzigen Erzählstrang auf, so dass man gut folgen kann. Gedanken zur ehelichen Beziehung und dem Sinn des Lebens aus Sicht des Ich-Erzählers sind eingeflochten. Die Sprache bleibt einfach und beschreibend. Auffallend ist die häu-fige Verwendung der direkten Rede. Die Leserin und der Leser erhalten dadurch das Gefühl mitten im Geschehen zu sein. Menschen und Situationen werden treffend charakterisiert. Mit einer präzisen Sprache schildert der Autor gesellschaftliche, historische und politische Realitäten. Dass Davidsen lange als Journalist in Russland gelebt hat, ist spürbar. Als unterhaltsame und informative Lektüre mit Bezügen zum Zerfall der Sowjetunion und dem Tscheschenienkrieg können wir das Buch sehr empfehlen.



Der Vampir von Ropraz (Jaques Chessex)

Filed under: ohne Kategorie — bru @ 8:08


Erscheinungsdatum: 2007, Verlag: Nagel & Kimche, Seitenzahl: 96 Seiten
Übersetzung: aus dem Französischen von Elisabeth Edel

Inhalt
Das literarische Werk „Der Vampir von Ropraz“ handelt von einem bestialischen Leichenschänder, welcher sein Unwesen zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Jura treibt. Er wird nach dem Ort seiner ersten Tat „Ropraz“ benannt, wo er das Grab der jungen Rosa Gilliéron schändet. Dies versetzt die gesamte Bevölkerung des Landstrichs in Aufruhr; durch ihre Wut getrieben suchen sie einen Schuldigen. Mehrere Verdächtige werden festgenommen und befragt, doch gleichzeitig geht der wahre Täter seinem Beuteschema von jungen, attraktiven Frauen nach. Die Suche geht weiter. Kurz darauf, bei einer sexuellen Misshandlung, wird Charles-Augustin Favez überführt. Er muss jedoch aufgrund mangelnder Beweise wieder freigelassen werden, was zur Empörung des Volkes führt. Beim Versuch der Vergewaltigung einer alten Dame wird er aber wieder festgenommen und vor Gericht gebracht und für die Leichenschändungen verurteilt.

Kommentar„Der Vampir von Ropraz“ ist mit seinen 96 Seiten ein sehr kurzes Werk, doch unserer Meinung nach ist er alles andere als langweilig. Chessex beschreibt die Taten des „Vampirs“ von Ropraz mit einer bildhaften, sehr spannenden Stimme, die dem Leser die Taten, die Grausamkeiten, die Verstümmelungen der Opfer ins Gesicht schleudern. Innerhalb kürzester Zeit findet man sich in der kalten Landschaft wieder, die der Autor mit seinen Beschreibungen heraufbeschwört. Da die Erzählung einige wahre Ereignisse in Ropraz wiedergibt, wirkt das Gelesene noch viel unfassbarer, noch weniger begreiflich. Einige Stellen, insbesondere die erotische Motivation mit der perversen Ausübung von Favez’ Begierden sind unserer Meinung nach etwas zu detailliert beschrieben, wodurch sie etwas primitiv wirken. Dieses Buch ist eine willkommene Abwechslung zu den vielen anderen Kriminalromanen, in denen es hauptsächlich um die Tätersuche geht. „Der Vampir von Ropraz“ legt die Hauptakzente auf die genaue Beschreibung der Taten. Weil der Autor am Schluss nicht offen legt, ob Favez wirklich der Schuldige ist, bleibt ein bitterer Nachgeschmack, der zum Nachdenken anregt. Trotzdem hat es der Schluss in sich, da man meint, man sei einer von wenigen, der die wahren Zusammenhänge versteht.

Uns gefiel dieser Roman gut, weil man dabei überlegen muss, was Fiktion und was Realität ist, wodurch uns auf den wenigen Seiten nie langweilig wurde. Jacques Chessex vermischt dabei Standpunkte und Perspektiven gekonnt, woran man merken kann, wie intensiv der Autor recherchiert und sich mit den wahren Ereignissen auseinandergesetzt hat. Er motivierte sich für diesen Roman, als er 1978 nach Ropraz zog und erste Einblicke in die wahren Grundrisse erhielt Wir können das Buch allen weiterempfehlen, die sich für genaue Schilderungen der Brutalität, aber auch des Verhaltens der Bevölkerung bei einem solchen Mord interessieren.

22.06.2009 Cyril Meyer 4d, Silvan Lattion 4d


Nordlicht (Melitta Breznik)

Filed under: ohne Kategorie — bru @ 7:06

 
 

Luchterhand Literaturverlag, 02.03.2009
256 Seiten, Originalausgabe

Inhalt

Die Hauptfigur Anna, eine Psychiaterin Mitte 40, steht am Rande eines Nervenzusammenbruchs auf Grund ihres anstrengenden Berufes und der Konflikte mit ihrem Mann. Daraufhin beschliesst sie Zürich zu verlassen und nach Norwegen zu gehen. Sie hofft, in der völligen Dunkelheit in Norwegen wieder ihre innere Ruhe zu finden. Auch die Sehnsucht nach ihrem Vater und die ungewisse Vergangenheit ihres Vaters, welcher im 2. Weltkrieg im Norden stationiert war, ziehen sie nach Norwegen.

Während ihrem Aufenthalt ging sie einem geregelten Tagesablauf nach, zu dem gehörten auch Spaziergänge. Auf einem dieser Ausflüge lernte sie Giske, ein Deutschenbalg, wie sich später herausstellte, kennen. Die zwei Frauen trafen sich immer regelmässiger und eine tiefe Freundschaft entwickelte sich.

Gemeinsam machten sie sich auf die Suche nach der Vergangenheit ihrer Väter und stellten Erstaunliches fest….

Kommentar

Wir finden den Roman, spannend, überraschend, aber irgendwie auch unheimlich, weil man nie genau wusste, ob noch ein Geheimnis ans Tageslicht kommt. Der Ort, den Anna ausgewählt hatte, war steinig, dunkel und absolut einsam, was eigentlich nicht das richtige wäre für eine Frau, welche sich kürzlich von einer Brücke stürzen wollte.

Nordlicht ist kein einfaches Ferienbuch, sondern hinter diesem Titel verbirgt sich eine komplizierte und komplexe Geschichte, da immer wieder Zeitsprünge eingebaut wurden und der Leser sich somit immer wieder auf die neue Situation einstellen muss.

Das Buch empfehlen wir regelmässigen Lesern, welche Spass an einer nicht immer durchschaubaren Geschichte haben.


Sonntag, 24 August 2008

Die Mittagsfrau (Julia Frank)

Filed under: Geschichte,ohne Kategorie — Schlagwörter: , — bru @ 9:36

Der Roman ‘Die Mittagsfrau’, geschrieben von Julia Franck, erschien im Jahr 2007 im S. Fischer Verlag. Das Buch hat 430 Seiten und ist im Buchhandel für 35.40 Franken erhältlich. Das Werk ist eher ein Roman für Frauen, da  eine Frau im Zentrum steht. Der Roman enthält aber auch historische Daten über den Ersten und Zweiten Weltkrieg und mag so vielleicht auch männliche Leser begeistern. Julia Franck erhielt 2007 für ihr neuestes Meisterwerk „ Die Mittagsfrau“ den deutschen Buchpreis, da die „sprachliche Eindringlichkeit, erzählerische Kraft und psychologische Intensität“  die Jury überzeugten.

Inhalt
In Lausitz erlebt Helene eine harmonische Kindheit, die mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges unerwartet endet. Der Vater von Helene und ihrer Schwester Martha wird an die Ostfront geschickt und kehrt am Ende des Krieges nur zum Sterben wieder nach Hause zurück. Die jüdische Mutter der beiden Mädchen zieht sich zunehmend immer mehr von ihrer Umgebung und auch ihren Kindern zurück. Zwischen Helene und ihrer Mutter entsteht eine immer grösser werdende Distanz, die dadurch entsteht, dass Helene vor ihrer empfindungslosen Mutter weicht, die ihre eigenen Kinder kaum mehr wahrzunehmen scheint. Doch zwischen Helene und ihrer Schwester entsteht in dieser schweren Zeit eine innige und sehr liebevolle Beziehung.
Helene möchte Medizin studieren, ein ungewöhnlicher Zukunftsplan für eine Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach dem Tod des Vaters zieht sie anfangs der zwanziger Jahre mit ihrer Schwester zu ihrer Tante nach Berlin, und während Martha ihrer Freundin Leontine wieder begegnet, lernt Helene Carl kennen. Als dieser kurz vor der Verlobung umkommt, verliert sie den Sinn für das Dasein und flüchtet sich in die Arbeit. Auf einem Fest stellt sich ein gewisser Wilhelm vor, er ist begeisterter Ingenieur, der Reichsautobahnen bauen und Helene heiraten möchte. Die Ehe mit ihm führt Helene nach Stettin, wo ihr Sohn Peter zur Welt kommt, der die zerrüttete Ehe der Eltern jedoch auch nicht retten kann, denn die Differenzen zwischen Helene und dem gefühlskalten Wilhelm sind unüberwindbar. Die Liebe, die der kleine Junge von Helene fordert, die Nähe, die er sucht, werden ihr zunehmend unerträglich. Sie ist hin- und her gerissen zwischen Pflicht und Freiheit. Schließlich trifft sie eine ungeheuerliche Entscheidung…
Der Roman „Die Mittagsfrau“ beginnt sehr packend, interessant und mit einer sehr starken Spannung, die es dem Leser leicht macht, weiterzulesen. Helenes Schicksal verläuft schwankend, mal hat sie ein Hoch, dann wieder ein Tief in ihrem Leben, bis schliesslich ein prägender Verlust Eintritt, nämlich der Tod von Carl. Bis zu diesem Zeitpunkt peilt die Geschichte ein Happyend an, welches dann durch den plötzlichen Verlust verunmöglicht wird. Die Spannung nimmt nach diesem Wendepunkt ab. Das weitere Leben Helenes wird schicksalhaft durch den Ehemann Wilhelm und die Geburt ihres Kindes Peter geprägt. Der Schluss ist sehr detailliert und interessant geschrieben, eine grosse Spannung wird aufgebaut, welche jedoch schlussendlich abrupt endet.

Darstellung:
Das Buch ist in zwei Perspektiven geschrieben: Der grösste Teil aus der Innensicht von Helene und später folgt ein kleinerer Teil aus der Innensicht ihres Kindes. Die ersten Seiten der Geschichte sind eine Rückblende und zeigen das Leben des kleinen Peters und seiner Mutter. Nach der schockierenden Entscheidung der Mutter, endet fürs erste der Teil mit Peter abrupt und stattdessen beginnt die Geschichte von Helene als Mädchen. Der Hauptteil der Geschichte verläuft chronologisch, es wird die Lebensgeschichte von Helene geschildert. Fast zu Ende fliesst die Geschichte wieder in den Anfang, nämlich in Peters Geschichte. Am Schluss findet nochmals eine Rückblende statt, bei dem über das Leben des jugendlichen Peter berichtet wird.
Julia Franck verwendet in ihrem Buch einen verständlichen Wortschatz und lange, oft mit vielen Kommas zusammengefügte Sätze, die jedoch verständlich sind. Einzelne Passagen machen die Geschichte durch direkte Rede anschaulicher. Das Buch ist vor allem für Frauen ab 20 Jahren interessant, da es die Stärke und Entwicklung einer sehr besonderen Frau zeigt. Auch die angesprochenen Themen sind eher anregend für Erwachsene. Für Jugendliche ist der Roman wahrscheinlich zu anspruchsvoll und zum Teil auch etwas zu drastisch und direkt geschrieben, da die Schilderungen teilweise sehr ausführlich und detailliert sind, auch wenn es sich um etwas schauerliche Zustände handelt, wie zum Beispiel die Beschreibung eines durch den Krieg verstümmelten und faulenden Körpers.

Bewertung
Helenes Geschichte ist zum Teil beinahe unrealistisch, wird jedoch durch historische Fakten, aus den beiden Weltkriegen und auch die realen Spielorte näher an die Realität gerückt. Die Geschichte ist anfangs durch den Zeitsprung etwas verwirrend, es braucht Gewöhnung, um das Buch fliessend lesen zu können. Was lobenswert ist, ist, dass der Roman die Leserin nach gewisser Zeit sehr packt und man das Buch kaum mehr weglegen kann, da man wissen will, wie es weiter geht. Helenes Kindheit ist geprägt durch eine einerseits selbstbezogenen Mutter und andererseits einen liebenden Vater. Ihre Kindheit und auch ihr späteres Leben sind gezeichnet von meistens gedrückten Stimmungen, welche sich deutlich im Roman widerspiegeln, obwohl man eine solch starke Frau nicht in einem negativen Licht erleben möchte. Es ist teils sehr verwirrend, wie Helene in einer Situation liebevoll und in einer anderen wieder sehr verloren und verbittert wirkt. Grundsätzlich widerspiegeln sich in ihrem Verhalten deutlich die Ereignisse ihrer Kindheit, denn wie auch ihr Vater zeigt sie ab und zu grosses Mitgefühl für ihre Mitmenschen und im nächsten Moment wirkt sie genauso selbstbezogen wie ihre Mutter. Sehr berührend ist der Zwiespalt Helenes zwischen ihrer Freiheit und dem Wohlbefinden ihres Sohnes. Es ist schade, dass sie teilweise als sehr gefühlskalt dargestellt wird, so fällt es einem schwer, sich in die Hauptfigur hineinzuversetzen. Da die Geschichte eine lange Zeitspanne beschreibt, hat das Buch auch sehr viele Seiten, was jedoch zum besseren Verständnis beiträgt und dafür sorgt, dass sich der Leser teilweise doch auch mit der Figur identifizieren kann. Was sehr verwirrend ist, ist der Titel, der nach dem Lesen des ganzen Buches noch immer nicht ganz nachvollziehbar ist, da die Mittagsfrau im Buch nur kurz erwähnt wird und dies auch nicht im Zusammenhang mit der Hauptfigur Helene.
Der Stil des Buches passt zur Handlung: einfach, aber sehr prägnant. Die Sätze bringen die Handlung auf den Punkt und sind nicht ausschweifend. Etwas abstossend sind die genauen Schilderungen grässlicher Situationen, wie die körperlichen Folgen des Krieges oder auch die Beschreibung, wie Helene zum Geschlechtsverkehr gezwungen wird, was vielleicht jemand vom Weiterlesen abhält. Wir haben das Buch mit gemischten Gefühlen gelesen. Zum einen war da diese beeindruckende Frau, die mit ihrem Schicksal kämpft, zum anderen wirkte sie auch gefühllos und wie ihre Mutter „blind am Herzen“ .

Schluss/Empfehlung
Das Buch „Die Mittagsfrau“ ist wirklich ein sehr besonderer Roman und es ist lohnenswert ein derart packendes und beeindruckendes Meisterwerk zu lesen. Die Geschichte ist eine ungewöhnliche, doch genau deshalb ist das Buch so lesenswert. Also, packen Sie die Gelegenheit einer freien Minute und widmen Sie sich diesem beeindruckenden Meisterwerk!

Audio-Beitrag: Die Mittagsfrau (Julia Frank)



Samstag, 16 August 2008

Lea (Pascal Mercier)

Filed under: ohne Kategorie — bru @ 7:49

Lea

Eine Rezension des Bestsellers „Lea“ von Pascal Mercier Von David Renggli und Lea Marberger
Die Novelle „Lea“ wurde von Peter Bieri unter dem Pseudonym Pascal Mercier geschrieben und ist im Jahre 2007 vom Carl Hansler Verlag in München herausgegeben worden. Das Werk umfasst 252 Seiten und der Neupreis liegt in Deutschland bei 19 Euro. Der Schweizer Autor ist 1944 in Bern geboren und betätigt sich als Schriftsteller und Philosoph. Sein bekanntestes Werk ist der im Jahre 2004 erschienene Roman „Nachtzug nach Lissabon“, für welchen er im Jahre 2006 den Maire-Luise-Kaschnitz-Preis erhalten hat.

Inhalt
Dieses Buch erzählt in 34 Kapiteln die Geschichte von Lea, einem jungen Mädchen, das in jungem Alter seine Mutter verlor und deshalb in eine tiefe Depression fiel, bis sie eines Tages im Berner Bahnhof einer Geigerin zuhörte und deshalb von neuer Lebenslust gepackt wird.
Leas Vater, Martijn Van Vliet, trifft eines Tages in der Provence einen Fremden, Adrian Herzog. Im Gespräch stellt sich heraus, dass die beiden Männer beide aus Bern kommen. Auf der gemeinsamen Heimreise, die zwischen den beiden Fremden eine ungeahnte Intimität schafft, erzählt Van Vliet die tragische Geschichte seiner Tochter, die ihn nach Südfrankreich geführt hatte.
Alles begann mit dem Tod seiner Frau, die ihn mit seiner Tochter zurückliess. Vor Trauer erstarrt, verschloss sich das Kind gegenüber seiner Umwelt, bis es mit acht Jahren eine Strassenmusikantin hörte, die eine Violinpartitur von Bach spielte. Von einem Moment auf den anderen war für Lea klar, dass sie Geige spielen lernen musste. Van Vliet ist überglücklich, dass seine Tochter endlich aus ihrer Starre erwacht. Schon bald zeigt sich ihre ungewöhnliche Begabung, doch damit beginnt auch ihr tragisches Verhängnis. Lea eilt von Erfolg zu Erfolg, ihren Vater aber treibt dieser Umstand immer tiefer in die Einsamkeit. Bei seinem letzten verzweifelten Versuch, die Liebe und die Nähe seiner Tochter zurückzugewinnen, verstrickt er sich in ein Verbrechen, das seine bürgerliche Existenz ruinieren wird. Aber auch Lea ist es nicht vergönnt, ihre musikalischen Erfolge auszukosten. Ihr Geist verdunkelt sich und lässt sie schliesslich etwas tun, was alles zerstört.
Der Grossteil der Geschichte wird aus der rückblickenden Sicht von Van Vliet erzählt und wird durch einfühlsame Anteilname und Verständnis vom eigentlichen Ich-Erzähler, Adrian Herzog untermalt. Herzog selber ist ein an sich zweifelnder Chirurg und Familienvater. Er hinterfragt und vergleicht seine Art der Erziehung mit der von Van Vliet. Die gewissen Parallelen verstärken das grosse Verständnis für Van Vliets Handeln. Die Erzählung gibt auch Einblick in das emotionale Innere der handelnden Personen.
Pascal Merciers Novelle handelt von der Fremdheit der Menschen untereinander und stellt die Frage, wie weit wir den Gang unseres Lebens bestimmen können. Es gelingt ihm aber nur teilweise, philosophische Reflexion, psychologische Einfühlsamkeit und erzählerische Vielfalt zu verbinden.

Bewertung
Bei der inhaltlichen Bewertung des Buches möchten wir zuerst auf die Handlung eingehen. Die Handlung ist am Anfang des Buches eher träge und man braucht eine Weile, um sich mit der Personenkonstellation zurechtzufinden, denn die Erzählung schwankt immer von der Realität, in der sich Van Vliet und Herzog befinden, zur Zeit, in der sich die Geschichte von Lea abspielte. Das ist am Anfang eher verwirrend und erschwert den Einstieg in das Buch. Der Leser steht über weite Strecken im Dunkeln und kann nur schwer nachvollziehen worum es eigentlich geht. Wenn man sich erst einmal durch das erste Viertel gekämpft hat, wird die Handlung flüssiger und man kann die Zeitsprünge ohne Probleme nachvollziehen. Es wird eine passive Spannung aufgebaut. Obwohl die Geschichte oft künstlich in die Länge gezogen wird und demzufolge nicht gerade spannend ist, hat man doch den Drang immer weiter zu lesen. Leider bietet auch der Schluss eine grosse Angriffsfläche für Kritik, denn das Ende ist zwar nicht vorhersehbar, aber das Buch ist einfach, ohne die langersehnten Erklärungen oder Auflösungen, plötzlich fertig.
Als gelungen empfinden wir jedoch die Gestaltung der einzelnen Personen. Die Charaktere sind sehr verschieden, und man gewinnt während der Geschichte einen tieferen Einblick in die Persönlichkeit der Menschen, der berührend und aufschlussreich zugleich ist. Auch die Vater-Tochter Beziehung wird eindrücklich beschrieben, sodass man mit Van Vliet mitfühlen kann und sein Handeln besser versteht.
Etwas „gesucht“ scheinen einzelne Situationen am Anfang des Buches, wo Van Vliet einfach so eine andere Person trifft, mit der er sich auf die Heimreise macht, oder dass Lea zufälligerweise eine Geigerin spielen hört. Wahrscheinlich sind diese Ereignisse aber bewusst so beschrieben, dass sie nicht ganz zufällig wirken, sodass der philosophischen Frage, inwiefern wir unser Leben selber bestimmen können, Nährboden gegeben wird.
Die Sprache ist ziemlich abwechslungsreich und gut verständlich, zudem pflegt der Autor einen sehr guten, vielfältigen Stil. Das entspricht auch dem Zielpublikum, junge erwachsene Frauen, sowie Leser und Leserinnen zwischen 35 und 60. Speziell ist, dass einige wichtige Aussagen und Zitate in Französisch sind, jedoch eine Übersetzung fehlt. Mit minimalen Französischkenntnissen und ein bisschen Fantasie stellen diese Passagen jedoch kein Problem dar. Die Sprachwahl der einzelnen Personen spiegelt deren Hintergrund, was zu ihrer Authentizität beiträgt. Die Sprache variiert sehr stark. Je nach Situation ist sie beschreibend, emotional, lustig oder gar nüchtern. Durch das ganze Buch hindurch wird aber lebendig und vielseitig erzählt, wobei die Sprache nie aufgesetzt oder klischeehaft wirkt. Die oft langen Sätze sind gut verständlich.
Der gute Stil sowie die gut gewählte Sprache sind zu loben, trotzdem ist der Umfang des Buches etwas zu lang. Man hätte ohne weiteres einige Passagen auslassen können, ohne sprachliche und stilistische Qualitäten zu verlieren. Nicht einmal inhaltlich hätte etwas ausgelassen werden müssen, denn es sind Wiederholungen zu finden und einige Textpassagen sind für den weiteren Verlauf der Geschichte nicht von Bedeutung.

Leserempfehlung
Wie in der Einleitung erwähnt, beschäftigt sich der Autor auch mit Philosophie. Die Hauptfrage, welcher das Buch nachgeht, ist, inwiefern wir Menschen bestimmen können, wie wir unser Leben gestalten. Man kann davon ausgehen, dass Mercier denkt, dass vieles vorbestimmt ist und so kommt, wie es kommen muss. Wir sind jedoch mit dieser Haltung nicht ganz einverstanden, da man immer die Chance hat eine Entscheidung zu treffen. Mercier überlässt seinen Charakteren in diesem Buch meist keine Entscheidungsfreiheit, sondern sie machen einfach das Naheliegende, ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein, was manchmal beinahe lächerlich erscheint.
Wir möchten zukünftigen Lesern anraten, mit positiven Erwartungen an „Lea“ zu gehen, ohne sich aber in eine „Euphorie“ zu stürzen. Die Geschichte ist berührend und wird wohl emotionale Leserinnen und Leser begeistern können, die Botschaft und die Hauptaussage werden vermutlich jedoch rational denkende Menschen weniger ansprechen.
Trotz allem möchten wir nicht von diesem Buch abraten. Wer das Buch vom Unterhaltungsaspekt aus gesehen liest, wird wahrscheinlich nicht enttäuscht werden, da es Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit aufweist, sowie Themen behandelt, die man sonst eher nicht antrifft.
Im Grossen und Ganzen ist „Lea“ ein gelungenes Buch!

Audio-Auszug



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